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Kölner Stadtanzeiger vom 03.01.2013


"Die Magie der fließenden Farben"

Artikel von Jürgen Kisters

„Unter Einfluss von Wasser“ nennt Maren März ihre Ausstellung in der Freiraum-Galerie. Damit sind jedoch keine Seestücke oder andere Bilder von Flusslandschaften gemeint. Vielmehr nennt die Kölner Künstlerin das neben Farben und Papier entscheidende Element ihrer Malerei. Der Einfluss des Wassers ist der wichtigste Aspekt beim Aquarell. Denn erst die Menge des Wassers legt fest, wie die Farben auf dem Papier laufen und wie sie leuchten. Ob sie dick und undurchsichtig oder transparent erscheinen. Ob sie in den Grenzen einer fest umrissenen Gestalt gebunden oder in fließenden Übergängen ineinander vermischt sind.  Maren März ist eine Malerin, die all diese Möglichkeiten ausspielt. Nicht selten sogar alle zusammen in einem Bild. Und dabei beachtet sie gleichfalls das wichtigste Prinzip aller guten Aquarellmalerei: die Materialität des weißen Papiers zwischen den Farben zu entfalten. Das (Papier-)Weiß schafft in ihren Aquarellen eine Offenheit, die sowohl die Weite der Räumlichkeit darstellt als auch die geheimnisvolle Lücke, in die unsere Fantasie sich hineinschleichen kann. Der im Jahr 1966 in Gehrden, in der Region Hannover geborene, seit 2000 in Köln lebende Künstlerin kommt es jedoch nicht in erster Linie auf die Wirkung der Farbe an. Vielmehr sind die Farben stets nur der oberflächlich flirrende Teil einer komplexen Motivszenerie, die hinter den Farben beginnt und dort auch wieder aufhört. Sie ist eine bildnerische Erzählerin, ohne eine klare Geschichte zu haben.
Ausgehend von der menschlichen Figur erzählt März vom Leben in Bruchstücken und seltsamen Verwachsungen. Ausgehend vom Schweben der Aquarellfarben erzählt sie Geschichten, die im großen Meer unserer größtenteils unbewussten Erinnerung kurz an die Oberfläche gespült werden und sogleich wieder darin untergehen. Vertrautes und Fremdes halten einander darin in einem seltsamen Gleichgewicht. Hier ist es die Frau im Bikini, auf deren Leib ein Pferdekopf sitzt. Um sie herum Hasen, kuriose Pflanzen und Spinngewebe. Dort sind es die Tribünen um das Feld in einer Sporthalle oder einer Zirkusmanege, wo namenlose Zuschauer das zweileibige Kraft- und Gleichgewichtswunder eines starken Mannes bestaunen. Wieder andere Bilder zeigen die Beobachtung eines rosa Elefanten, den Zwerg mit der Spielzeugwelt als Last im Sack auf seinem Rücken, die verwirrende Lust einer Mutter als Tänzerin und die Hoffnung einer Verzweifelten, der eine vielblättrige Flammenpflanze aus dem gebeugten Rücken wächst. März bildliche Erzählungen fangen genau dort an, wo die Möglichkeiten einer Erzählung mit Worten enden. Ihre Bilder ähneln nicht selten nächtlichen Traumszenarien. Das heißt, jedes Motiv könnte die bildliche Verdichtung von Traumerinnerungen darstellen. Die Betrachter werden unweigerlich träumerisch eigene Fantasien beleben oder sich auf die Spuren eines Traumdeuters begeben. Spielerisch in den Übergängen wechselt die Künstlerin von der expressionistischen figürlichen Darstellung zu Bildformen des Comics, von surrealistischen Kompositionsideen zu Formen fernöstlicher oder abstrakt-expressiver Malerei. So souverän die Bilder auf den ersten Blick wirken, so intuitiv-improvisiert und unsicher sind sie bei genauer Betrachtung. Jedes Bild ist ein einmaliges Abenteuer, das dort besonders interessant wird, wo es der Künstlerin gelingt, sich von Motivabsichten in gänzlich unbekannte Bildgefilde ablenken zu lassen. Um noch einmal auf den Ausstellungstitel zurück zu kommen. Ein Einfluss des fließenden Wasser ist, dass es die Wahrnehmung unweigerlich zum Fließen bringt. „Man steigt nie zwei Mal in den gleichen Fluss“, erklärte der antike griechische Philosoph Heraklit. Und so schaut man bei den fließenden Farben in den Aquarellen von Maren März auch keine zwei Male auf das gleiche Bild.

 

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Auszug aus dem Katalogtext
„Etwas fügt sich, etwas anderes sperrt sich“
von Dr. Christiane Fricke
(die Autorin ist Redakteurin des Ressorts `Kunstmarkt` im „Handelsblatt“)

 

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In den Aquarellen generieren Kontrolle ebenso wie der Zufall den Bildfindungsprozess oder, um es mit den Worten der Künstlerin zu umschreiben: „ein Wille und ein Unwille“. Sie legt eine Spur, eine Richtung an; plötzlich entsteht ein Klecks, ein Hindernis. „Etwas fügt sich, etwas anderes sperrt sich.“
Es ist eine halbbewusste Art des Vorgehens, das Spuren von Wahrgenommenen, Erinnertem und Geträumten sichert, dabei aber immer wieder neu ansetzt. Das Procedere braucht Zeit. Maren März hat ihre Bildfindung auch einmal mit einem Spaziergang verglichen, auf dem verschiedene Situationen die Aufmerksamkeit fesseln: „ein Maulwurf, der soeben seinen Hügel erhöht und ein Schwan, der sein Gefieder putzt, während die Gedanken Kapriolen schlagen.“

Weil das handgeschöpfte Büttenpapier die Farbe nur schwer wieder hergibt, ist Konzentration gefragt, auch an Stellen, wo es weniger ums Detail geht als um die Lage und Ausdehnung eines Bildelementes auf dem Blatt. So könnte man in Öl oder auch in Acryl nicht malen. Die Aquarelltechnik erlaubt kein Löschen, keine Korrektur.

 

                                                                               
(der Katalog erschien anlässlich ihrer Einzelausstellung im Brühler Kunstverein, September 2010)

 

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Dr. Andreas Baumerich, freier Kunsthistoriker in Köln, Auszug aus der Eröffnungsrede im Brühler Kunstverein im September 2010

 

Maren März – Bilder mit Zeit

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Gerade feucht genug war das weiche Aquarellpapier, um den ersten Farbauftrag zu erhalten. Selbst nach dem Trocknen wirken die Oberflächen immer noch nass oder zeigen deutlich die Spuren der Feuchtigkeit, des Schwimmens, des Ineinander- und Auseinanderfließens der Farben. Das feuchte Element der Aquarellmalerei bestimmt wesentlich die Erscheinung vieler Bilder von Maren März. Selbst erkennbar gesetzte Pinselstriche können zerfasern und in die Oberfläche einfließen und gefiedert erscheinende Ränder bekommen. Verschiedene Breiten von Pinseln, Schwämme und textile Mittel zum Farbauftrag eröffnen weitere Möglichkeiten, den Farbflächen Effekte abzugewinnen.
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Wenn der nächste technische Schritt eine trockene Oberfläche erfordert, eröffnet das Warten auf diesen Zustand eine weitere Zeitebene. Wobei ein erneutes späteres Wässern wieder ein Warten bis zum nächsten Schritt erzwingt. Auch die auf trockenen Grund gesetzte Farbe muss gegebenenfalls erst einmal wieder trocknen.
So ergibt sich ein meditativ anmutender Wechsel zwischen Phasen der Tätigkeit und des Abwartens. Es ist die Zeit, die der Künstlerin ermöglicht, eigene Assoziationen über die bisherigen Bildelemente zu entwickeln und weitere Bildgestaltung zu planen. In dieser Zeit trocknet die Farbe, wobei sich Ränder bilden können oder bei trockenem Papier sich die Binnenstrukturen selbständig weiterentwickeln, so dass sich der Prozess auch ohne direktes Zutun der Malerin fortsetzt. Das vom Zufall mitbestimmte Ergebnis ist dann die Basis für den nächsten Schritt. Korrekturen sind allerdings dem Wesen der Aquarellmalerei weitgehend fremd, so dass eine hohe Konzentration und das Hinnehmen und der Reiz von Ungewolltem den Charme der Bilder mit ausmachen. Damit zusammen erzeugt der Wechsel zwischen Aktion und Reaktion, Handeln und Warten einen prozesshaften Charakter der Bilder. Er betrifft nicht nur die für die Bildwirkung so wichtige technische Seite, sondern stellt ebenso eine Verbindung zu den dargestellten Szenerien her, die auch einer im übertragenen Sinne einer „fließenden“ Welt von Imagination und Traum anzugehören scheinen.
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Ständig zeigt sich der Aspekt des Zeitlichen: Die Arbeiten von Maren März mit ihrer weichen Oberfläche des Aquarellpapiers „fordern“ Zeit – die der Malerin und die der Betrachter. Wie die Technik ein Wiederanfangen, Neubewerten und Akzeptieren des gelenkten Zufalls beinhaltet, so muss auch beim Betrachter der Eindruck des zuerst Gesehenen wieder in Frage gestellt werden, um in einer weiterführenden Betrachtung gegebenenfalls erneut revidiert zu werden. Der Betrachter nimmt sich die Zeit, die die Bilder ihm geben, und die sie in sich tragen.